Die Juristische und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) hat heute (16. November 2011) die Ehrendoktorwürde an Romano Prodi verliehen. Sie würdigt damit die besonderen Verdienste um die Wirtschaftswissenschaft, die der ehemalige italienische Ministerpräsident und frühere Präsident der Europäischen Kommission im Rahmen von Forschungs- und politischer Tätigkeit erworben hat.
"Die Verdienste von Romano Prodi liegen in der Verbindung von Wissenschaft und Politik. Konkret sind es drei Bereiche seiner beeindruckenden Vita, die für uns Anlass waren, ihm die Ehrendoktorwürde anzutragen: Prodis Leistungen als Wissenschaftler, als italienischer Politiker und als Präsident der Europäischen Kommission", sagte Prof. Dr. Christian Tietje, Dekan der Juristischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, anlässlich des Festaktes. "Wir ehren eine herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die in beeindruckender Weise wissenschaftliche Rationalität, verbunden mit einer visionären Perspektive, und politische Führungsstärke vereint."
"Wir freuen uns, dass Romano Prodi - einer der bedeutenden Europäer seiner Generation - heute den Weg zu uns nach Halle gefunden hat und die Ehrendoktorwürde der Juristischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät annimmt", unterstrich der Rektor der MLU, Prof. Dr. Udo Sträter.
Prodi nahm die Ehrung zum Anlass, die bedeutende Rolle der Hochschulen im Prozess der europäischen Einigung zu betonen: "Ich bin hocherfreut und dankbar, die Ehrendoktorwürde von einer so angesehenen akademischen Institution wie der Universität Halle-Wittenberg entgegenzunehmen. Die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien sind eine entscheidende Voraussetzung dafür, die gegenwärtigen Hürden, die sich dem Aufbau eines revitalisierten Europa entgegenstellen, zu überwinden. Eine Universität hat dabei sowohl die Pflicht als auch das Privileg, die Rolle des kulturellen Vorreiters bei der weiteren Zusammenarbeit und Integration zwischen den europäischen Völkern einzunehmen."
Im Rahmen des Festaktes sprachen der Rektor Prof. Dr. Udo Sträter und der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Dr. Reiner Haseloff Grußworte. Nach seiner Laudatio überreichte Prof. Dr. Christian Tietje die Urkunde an Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Prodi. Anschließend stellte sich dieser den Fragen Studierender, darunter auch einige Austauschstudenten seiner eigenen Alma Mater, der Universitá Cattolica del Sacro Cuore (Katholische Universität zum Heiligen Herzen) in Mailand. Sie bietet in Kooperation mit der MLU seit dem Wintersemester 2010 den Masterstudiengang "Europäische Integration und Regionale Entwicklung" an. Derzeit sind zwölf Studierende aus Deutschland und Italien in dem trilingualen Programm eingeschrieben.
Prodis wissenschaftliches Interesse galt von Beginn an der angewandten Wirtschaftswissenschaft, insbesondere der Industriepolitik. Mit seinen Studien etwa zur Entwicklung mittelständischer Unternehmen, der Bedeutung industrieller Cluster für Wachstum und wirtschaftliche Entwicklung, dem Verhältnis zwischen Staat und Markt sowie zu Fragen der Privatisierungs- und Wettbewerbspolitik leistete er wichtige Beiträge zur Erneuerung der Industrieökonomik, gilt heute als Mitbegründer der italienischen Schule der Industrieökonomik. Prodi war dabei stets bestrebt, empirische Forschung und theoretische Analyse zu verbinden und den Anwendungsbezug in der ökonomischen Wirtschaft zu fördern. Durch sein Engagement in Politik und Publizistik gelang es Prodi zudem, den akademischen Elfenbeinturm zu verlassen und den Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis zu fördern.
"In seinen politischen Ämtern auf nationaler Ebene hat Prodi die Transformation und Modernisierung der italienischen Wirtschaft in entscheidender Weise mit vorangetrieben", erklärte Prof. Dr. Tietje. "Als Präsident der EU-Kommission gelang es ihm, in einer für die europäische Integration ausgesprochen schwierigen Zeit, im Rahmen des politisch Möglichen relative Stabilität in den Integrationsprozess zurückzubringen". So fielen in Prodis Amtszeit neben der Euro-Einführung auch die EU-Osterweiterung und die Intensivierung der Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Europäischen Union. Zudem nahm die Debatte zur Schaffung einer europäischen Verfassung, die mittlerweile im Vertrag von Lissabon umgesetzt worden ist, unter Prodi ihren Anfang.
Biografisches:
Romano Prodi ist am 9.8.1939 in Scandiano (Emilia Romagna) geboren. Er studierte in Mailand Rechtswissenschaften und legte 1961 sein Examen mit einer Arbeit über Protektionismus und dessen Bedeutung für die Entwicklung des italienischen Industriesektors ab. Es folgten postgraduale Vertiefungsstudien in Mailand, London und Bologna, wo er ab 1963 zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später als Lehrbeauftragter und von 1971 bis 1999 als Professor für Industriepolitik und Industriewirtschaft tätig war. Daneben wirkte er als Herausgeber von Fachzeitschriften und Fachbeiträgen.
1978 gelang Prodi als Industrieminister der Einstieg in die Politik. Von 1982 bis 1994 bekleidete er mit Unterbrechungen das Amt des Präsidenten der IRI, der größten staatlichen Industrieholding des Landes. Als Anführer der bürgerlichen Koalition wurde Prodi 1996 zum ersten Mal Ministerpräsident Italiens, ein Amt, das er zunächst bis zum Herbst 1998 inne hatte. 1999 ernannte das Europäische Parlament Prodi zum Präsidenten der Europäischen Kommission, der er bis 2004 vorstand. Nach seiner Rückkehr in die italienische Politik führte Prodi von 2006 bis 2008 sein zweites Kabinett.
Für sein politisches und wissenschaftliches Schaffen erhielt Prodi zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ehrung als "Europäer des Jahres" 2002.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Christian Tietje
Telefon: 0345 55 23180
E-Mail: tietje@jura.uni-halle.de
http://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&pm_id=16... Pressemitteilung mit Bildergalerie
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Wirtschaft
überregional
Personalia
Deutsch
Der neue MLU-Ehrendoktor Romano Prodi mit seiner Urkunde.
Foto: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Maike Glöckner
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